Leseprobe 1

 

Galway Hunters: Feuertaufe

 

Kapitel 1

                                                            

Legends of the Otherworld. Mit Bedacht nahm Michael O'Hara das Buch aus der Kiste. Eine Ewigkeit hatte er es nicht mehr in den Händen gehalten - und dabei war es in Kindertagen doch ein solch treuer Begleiter gewesen. Sogar ein Lesezeichen befand sich noch zwischen den Seiten.

Mit den Fingern strich er über den braunen Ledereinband, verharrte kurz an der Prägung des Titels und zog nachdenklich die verschnörkelten, beigefarbenen Linien nach.

Ruby. Wie oft hatte sie sich nach Feierabend die Zeit genommen und ihm die Geschichten aus dem Buch vorgelesen. Und obwohl er bald jede einzelne Legende auswendig konnte, war er jedes Mal aufs Neue gefesselt gewesen, wenn sie ihm von den vielen übersinnlichen Wesen und ihren Abenteuern erzählt hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich früher bei jeder ausgefallenen Wimper gewünscht hatte, sie wäre seine Grandma, und dass sie ihn mitnehmen würde, raus aus diesem großen, lieblosen Kasten, der sich Elternhaus schimpfte. 

Michael schlug das Buch auf und begann zu blättern The Gray Claw Grace Neill's BarLeap Castle … The Children of Lír ... St. Katherine's NunneryThe Green Man … Moor Hall … Cave of the Cats … Im letzten Drittel fand er einen zusammengeklappten, vergilbten Zeitungsausschnitt zwischen den Seiten. Michael faltete ihn vorsichtig auf

Richtig, er hatte das Blatt selbst in das Buch gelegt. Nur wenige Wochen nach dem Outing der Paranormalen. Was für eine Aufregung damals wegen der Parakritischen Kolumne PARAde aufgekommen war.

 

Apropos Samhain

 

Eine PARAde von Kate Breathnach, 31. Oktober 2005

Geht es Ihnen nach dem Outing der Paranormalen Wesen, an einem Tag wie diesem, ähnlich wie mir und Sie fragen sich, was gehört denn nun der Mythologie an und was ist echt? Kommen heute Nacht wirklich die Bewohner der Anderswelt in die Unsere, um unsere Gastfreundlichkeit auszunutzen, Schrecken zu verbreiten, den Tod zu bringen, um unsere Kinder gegen Wechselbälger zu tauschen - oder sind das wie bisher geglaubt, Ammenmärchen aus vergangenen Tagen? Wie real ist die Gefahr? Sind wir im Schein der Samhainfeuer sicher oder unterliegt auch das nur dem Aberglauben? Müssen wir unsere Häuser mit der Samhainglut in den Herden vor Geistern und Dämonen sichern, oder bringt das rein gar nichts?

Fragen über Fragen, die ich mir an einem Tag wie diesem stelle, wenn ich am John F. Kennedy Memorial Park entlanggehe und dort die Vorbereitungen für das alljährliche nächtliche Samhainfeuer beobachte, dessen Glut dann im Morgengrauen in unsere Herde getragen wird.

Apropos. Wie verträgt sich eigentlich das Renvyle House mit dem wichtigsten Schutzfeuer des Jahres, in dessen Schein es sich heute Nacht dann wieder einmal befindet? Das Eckhaus gehörte ursprünglich dem bekannten Schriftsteller Jonathan Renvyle, der dort gelebt und gearbeitet hat, bis er 1845 auf ungeklärte Weise spurlos verschwand. Nach heutigem Wissensstand liegen Vermutungen nahe, dass Paranormale Wesen zu seinem Schicksal beigetragen haben. Seit damals existiert eine Vielzahl von Geschichten und Gerüchten. Die wohl bekannteste besagt, er habe den Tod seiner geliebten Frau und Tochter nie überwunden, sich von daher selbst das Leben genommen und harre seither als Gespenst in einem der Zimmer, da er seine Familie im Jenseits nicht hatte finden können. Andere hingegen meinen zu wissen, dass er auf grausame Weise ermordet, und seine Leiche gewissenhaft im Haus versteckt wurde. Wenn sich die altbekannten Legenden nun als Wirklichkeit erweisen, und es in dem Eckhaus tatsächlich spuken sollte, würde dies bedeuten, dass die entzündeten Feuer uns keinen Schutz vor Geistern, Hexen und Dämonen bieten können. Und ich für meinen Teil wäre beruhigt zu wissen, ob wir dem Sprichwort - Wenn du ein Gespenst siehst und davor wegläufst, verfolgt es dich. Wenn du aber darauf zugehst, verschwindet es - auch weiterhin vertrauen können oder nicht.

Licht ins Dunkel, hinsichtlich der Frage, könnte der jetzige – paranormale und anonyme – Eigentümer bringen, der das Haus Mitte der 1970er Jahre erworben hat. Leider erklärte dieser sich aber nicht bereit, über das Haus und seinen eventuellen Bewohner, Angaben zu machen. Warum? Weil das Gespensterhaus den Beweis erbringen würde, dass wir uns mit den entzündeten Feuern vor dem Übernatürlichen nicht schützen können und es nichts bringt, alte Tradition - wie jene, die Samhainglut in unsere Herde zu tragen - wieder aufleben zu lassen? Oder fürchtet er angesichts der angehäuften Zwischenfälle in Erklärungsnot gelangen zu können, sollte es in dem alten Eckhaus nicht spuken?

 

Michael musste lächeln. Nein, fürchtet er nicht. Die abgebildete Schwarzweißfotografie des zweistöckigen Eckhauses in Kates Kolumne wies kaum Unterschiede zu der detailgetreuen Kohleskizze in seinem Buch auf - als entsprängen beide derselben Zeit. Wie düster das Haus auf den Bildern dargestellt wird. In Wirklichkeit verhielt es sich jedoch ganz anders.

Ein jaspisroter Fassadenanstrich mit weiß lackierten Fensterrahmen und dem kleinen Vorgarten, in dem sich jede Menge nützliche Kräuter und Wiesenblumen befanden, verliehen dem Gebäude einen warmen und einladenden Eindruck. Aber natürlich passte der finstere Eindruck viel besser sowohl zur Stimmungsmacherei von Kates Kolumne, als auch der Legende.

 

                                                                                                               The Renvyle House

 

Der Eyre Square, inmitten der Küstenstadt Galway, so erzählt man sich, ist von je her ein Platz voller Lebensenergie und Frieden. Menschen, die einmal um jenes Karree mit all den schönen bunten Fassaden gegangen, oder durch den Park spaziert sind, werden sich gewiss gerne an manch nette Begegnung mit den freundlichen Galwayern erinnern. Vielleicht haben sie im Schatten der alten Eiche gesessen, den unzähligen Geschichten lauschend, wie diese von Padraig O'Conaire schon vor langer Zeit erzählt wurden.

Jedoch wird ihnen auch der Schauer im Gedächtnis bleiben, angesichts des verlassenen Hauses, welches sich am unteren Ende der Straße befindet, ist man die An Fhaiche Mhòr entlang gegangen. Das Unbehagen der Menschen kommt nicht von ungefäh-

 

Ein Klopfen an der Haustür ließ Michael aufschauen. Er schloss das Buch, stellte es im alten Eichenregal neben die ledergebundene Erstausgabe Epitome of Paranormal Magic und ging in den Flur.

Durch die in der Tür eingelassenen Buntglasscheiben sah er einen Kerl mit schwarzen Haaren und dunkler Lederjacke, der ihm den Rücken zugewandt hatte. Sah der Typ sich die Gegend an oder war es ein Check, ob er verfolgt wurde? Jetzt drehte der Kerl sich zur Tür herum. Als er Michaels Blick begegnete, nahm er seine Sonnenbrille ab und strich sich über den zurechtgestutzten schwarzen Bart.

Duncan McClary? Woher, zum Geier, wusste der Daywalker denn, wo er zu finden war? Wollten Duncan oder Liam ihn etwa als Privatdetektiv engagieren? Gut möglich. Schließlich war bisher nur einer Handvoll Leuten bekannt, dass er diesen Job an den Nagel gehängt hatte. Tja, da würde er die beiden wohl enttäuschen müssen. Michael öffnete die Tür. »Hey. Was treibt dich denn her?«, begrüßte er Liams Sicherheitschef und trat beiseite.

»Hallo, Michael.« Der Daywalker kam herein, schüttelte ihm die Hand und sah sich in dem schmalen, weiß gestrichenen Flur um. »Du hast es also tatsächlich gekauft.«

»Yepp.« Michael deutete mit dem Kopf zu Renvyles ehemaligem Büro. »Komm, gehen wir hier rein.«

Duncan folgte ihm und sah sich im Raum um. »Ich sehe, du hast die ursprüngliche Einrichtung beibehalten. Finde ich gut.«

Michael beobachtete, wie der Blick des Daywalkers über den Eichenschreibtisch mit dem Ledersessel dahinter und dem Stuhl mit Holzschnitzerei davor glitt, und dann weiter zu den Bücherregalen wanderte. »Beachtliche Sammlung«, stellte Duncan fest, als er die Umzugskisten mit Wälzern zur Anderswelt und deren Bewohner entdeckte.

»Um eine Bibliothek damit zu eröffnen, dürften wohl noch ein oder zwei Bände fehlen.« In der Ablenkung lag ein Hauch Wahrheit. Ein paar Bücher, wie The Discovery of the Three Kingdoms of the Otherworld, standen tatsächlich auf seiner dringenden Wunschliste. »Setz dich doch.«

Er selbst nahm in seinem neuen Lieblingsstück, Renvyles Ledersessel, Platz. »Also? Wegen des Hauses bist du sicher nicht gekommen?«

»Nein«, erwiderte Duncan und lächelte. »Obwohl - nach so langer Zeit …«

»Ach … du kennst es? Von früher?«

»Allerdings.« Duncan lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. »Ich bin hier, um auf dein Angebot zurückzukommen.«

»Mein Angebot?« Michael überlegte einen kurzen Augenblick. »Welches?

»Damals. Im Caer Hafgan. Uallas. Du erinnerst dich?«

Und wie er sich erinnerte. Wenn der Kobold mal nicht für genügend Aufregung gesorgt hatte …

 

»Glaub mir, ich habe bezahlt«, versicherte er dem neuen Barkeeper. Irgendwo über ihm erklang ein schadenfrohes Kichern, das trotz der wummernden Bässe deutlich zu hören war. Ein kurzer Blick nach oben. Aha. Dachte er es sich doch.

»Du willst behaupten, Uallas sei blöd und kann sich nicht mehr daran erinnern, was noch vor ein paar Minuten war? Ein Zechpreller, das bist du!«

Dass Leprechauns immer in der dritten Person von sich sprechen mussten. Schlimm.

Der Neue funkelte ihn bitterböse an. Die Spitzen des feuerroten, wirr zu allen Seiten abstehendem Haares, zitterten - ein untrügliches Zeichen für Leprechaun-Zorn. Im Prinzip traf es aber den Nagel auf den Kopf - nur, dass die Ursache eben nichts mit der Intelligenz des Koboldes zu tun hatte. »Natürlich nicht«, erwiderte er ruhig. »Aber schau mal nach oben.«

Die Zornesröte im Gesicht des Leprechauns nahm schlagartig zu. »Jetzt hat Uallas aber genug! Auf so einen albernen Trick fällt er nicht herein!«

Also das war jetzt wirklich lachhaft! »Du glaub-«

Ein grüner Lichtblitz traf ihn. »Au!« Er machte einen Satz zurück. »Verdammte Scheiße!« Der elektrische Schlag des Leprechauns hatte es ganz schön in sich!

»Uallas? Michael? Was gibt es für Probleme?«, erklang Duncans Stimme hinter ihm.

Erleichtert atmete er auf. »Euer Barkeeper will mir nicht glauben, dass ich meinen Drink bereits bezahlt habe.«

»Das hat der Mensch auch nicht! Uallas weiß das ganz genau! Uallas ist nicht blöd!« Der Leprechaun war fuchsteufelswild, hüpfte auf und ab, konnte sich kaum im Zaum halten. 

Er deutete mit einem kurzen Blick hinauf, wo immer noch das jetzt schon beinahe boshafte Kichern zu hören war.

Duncan schüttelte den Kopf, wandte sich dem Leprechaun zu. »Uallas. Michael O'Hara ist hier Stammgast. Wenn er sagt, er hat bezahlt, dann ist das auch so. Wenn du -«

Der Kobold begann zu toben, richtete seinen Zorn auf den Sicherheitschef. »Nein! Uallas weiß das genau. Uallas ist -«

»- dem Spaß eines Fairies zum Opfer gefallen«, vollendete Duncan den Satz seelenruhig. »Schau hoch und du weißt es.«

Der Blick des Leprechauns schoss nach oben, wo ein kleiner Fairie jetzt lauthals lachte und sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Seine durchsichtigen Flügel zitterten beim Schlagen bereits vor boshafter Heiterkeit. Schön, dass hier wenigstens einer seinen Spaß hatte. Der Elektroschlag brannte immer noch wie Feuer und die Lederjacke konnte er dank dem Brandloch auch vergessen.

Dass sich diese Feenwesen weitab von jeder niedlichen Tinkerbellvorstellung befanden, war den Menschen nach dem Outing auch ziemlich schnell klar geworden. Kein Wunder, dass die Einschaltquoten der Filme rapide in den Keller gesunken waren.

Der Leprechaun setzte einen weiteren Lichtblitz frei. Dieses Mal in Richtung Decke. Allerdings verfehlte er sein Ziel.

»Uallas! Es reicht! Du kannst nich-« Duncans Worte gingen in einem Elektroschlag unter, der dieses Mal ihm galt. Wenn der Daywalker jetzt sauer war, zeigte er es jedenfalls nicht. In einer einzigen schnellen und doch ruhig wirkenden Bewegung griff er über die Theke, packte den tobenden Uallas am Kragen und holte ihn zu sich auf die andere Seite. Er zog das einen Meter dreißig kleine Zornpaket an sich heran, legte ihm die freie Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinab. »Du hast jetzt doch ganz sicher vor, dich auf der Stelle zu beruhigen, denn im Grunde genommen ist gar nichts passiert. Und über die Späße eines Fairies kannst du nur müde lächeln. Natürlich hat Michael schon bezahlt, und es tut dir ganz schrecklich leid, dass du ihn fälschlicherweise verdächtigt hast, er wolle die Zeche prellen. Seine Jacke ersetzt du, das versteht sich von selbst, oder?«

Der Leprechaun wirkte von einem Augenblick zum anderen wie ausgewechselt. Magische Fähigkeit oder schlichter Respekt?

Uallas sah über seine Schulter zu Duncan auf, der ihn losließ. Dann blickte er zu dem Fairie, welcher an der Decke noch immer gehässig lachte, und sah schlussendlich zu ihm herüber. Ein kurzes Kopfnicken. Der Kobold kramte in seiner Jacke und warf ihm eine Goldmünze zu. »Sollte reichen, um Uallas' Schuld zu begleichen.«

»Ich will hoffen, dass es eine Münze von Bestand ist.« Warnend sah Duncan den Leprechaun an.

Trotz erschien im Gesicht des Kobolds. »Pah! Ist Uallas etwa ein Lumpensack?!« Dann trollte er sich davon.

Was sagte man dazu? Eine wahre Seltenheit, dass ein Leprechaun freiwillig einem Menschen eine Goldmünze überließ. Also eine echte, nicht eine von den magischen, die stets zu ihnen zurückkehrten, für welche die Kobolde berüchtigt waren. Definitiv mentale Beeinflussung von Duncan. Das stand fest.

Der Sicherheitschef wandte sich ihm zu. Seine rechte Schläfe hatte ordentlich was abbekommen - ganz schön verbrannt die Haut. Jedenfalls für einen kurzen Moment.

Wirklich irre, diese Selbstheilungskraft der Daywalker.

»Entschuldige, Michael. Aber du weißt ja, wie das mit neuem Personal ist. Die Fairies können sich mit ihren Späßen einfach nicht zurückhalten und lassen die Neuen zu gerne mit ihrem Feenstaub Bekanntschaft machen.«

Er winkte ab. »Quatsch, du musst dich nicht entschuldigen. Im Gegenteil: Ich habe zu danken. Wer weiß, wie viele Stromschläge ich noch kassiert hätte, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst.«

Duncan lachte. »So hat er es wenigsten gleichmäßig verteilt.« Der Daywalker sah in die Richtung, in die Uallas verschwunden war. »Aber diese humorlosen Kobolde können manchmal wirklich anstrengend sein.«

»Na, wenn du einmal die Nase voll haben solltest«, erwiderte er, »kannst du gerne jederzeit in meiner Detektei anfangen. Leute wie dich kann ich gut gebrauchen.«

 

Und da saß er nun. »Natürlich erinnere ich mich und das Angebot war auch mein Ernst. Aber ich habe die Detektei aufgegeben und bin gerade dabei, eine Hunteragentur aufzubauen.«

»Für Paranormale Fälle - ich weiß. Die Annonce in der Galway Independent war nicht zu übersehen.«

Das erklärt, woher er weiß, wo ich zu finden bin - nicht aber, dass ich das Haus gekauft habe. Warum hat er sich diese Mühe gemacht? Und Duncan liest die Galway Independent? Michael beugte sich in seinem Ledersessel nach vorne und blickte ihm prüfend in die kohlrabenschwarzen Iriden.

Selbstbewusstsein. Gelassenheit. Mehr war der Daywalker auf der anderen Seite des Eichenschreibtischs nicht bereit preiszugeben. »Du willst also wirklich deinen Job bei Liam aufgeben, um bei mir als Kopfgeldjäger anzufangen?«

»Nicht, ich will. Ich habe. Heute«, korrigierte Duncan, ruhig, sachlich.

Michael atmete tief aus. Okay, das war ja mal eine Ansage. »Du weißt aber schon, dass es einen gravierenden Unterschied gibt, zwischen dem Job eines Sicherheitschefs und der Arbeit eines Hunters, oder?«

Auf Duncans Lippen stahl sich ein amüsiertes Lächeln. »Du meinst, außer der Tatsache, dass sich der Arbeitsplatz von über fünftausend Quadratmeter auf ganz Irland ausweitet und es im Gegensatz zum Caer Hafgan in deinem Kühlschrank höchstwahrscheinlich Bier geben wird? Ja, sicher.«

Michael musste schmunzeln, wurde aber gleich wieder ernst. »Und Liam hat deine Kündigung einfach so hingenommen?«

Duncan zuckte mit den Schultern. »Natürlich, ich bin ja nicht sein Eigentum.«

Nein, das nicht. Aber der Sidhe akzeptierte Entscheidungen in der Regel nur dann, wenn er sie selbst getroffen hatte. Nie und nimmer ließ er seinen besten Mann einfach so ziehen. Skeptisch nahm Michael die Lucky Strike Schachtel vom Tisch, zog eine Zigarette heraus und zündete sie an.

Duncan lehnte sich vor. »Ich habe die letzten Jahrzehnte mit und für Liam gearbeitet. Es wird Zeit für eine Veränderung.«

Und das fällt dir genau an dem Tag ein, wo meine Stellenanzeige in der Zeitung erscheint? »Hmmm.« Michael nahm einen weiteren Zug von seiner Kippe und drückte sie nicht einmal halb geraucht im Aschenbecher aus.

»Willst du ein Arbeitszeugnis?« Fest entschlossen erwiderte Duncan seinen Blick.

»Quatsch. Von deinen Qualitäten musst du mich nun wirklich nicht überzeugen.« Er erhob sich aus seinem Ledersessel und ging um den massiven Schreibtisch herum auf Duncan zu, der ebenfalls von seinem Stuhl aufstand. »Komm, ich zeige dir das Haus. Mal sehen, ob sich viel verändert hat, seit du das letzte Mal hier gewesen bist.«

»Gerne. Ich bin gespannt.«

Sie gingen zurück in den schmalen Flur und Michael öffnete die Tür vom Nachbarzimmer. »Kennst du den? Ist der ehemalige Hauswirtschaftsraum.«

Duncan schüttelte den Kopf. »Nein, das war ja Ellens Bereich. Wenn ich zu Besuch war, saßen Jonathan und ich in seinem, also jetzt deinem Büro.«

»Du kennst Renvyle? Persönlich? Von damals?« Was sagte man denn dazu?

»Ja, sicher.« Verwundert sah Duncan ihn an. »Sagte ich doch, dass ich früher schon hier im Haus war.«

»Bei früher dachte ich nicht unbedingt an Mitte des 19. Jahrhunderts.« Alle Achtung, da war Duncan Galway aber lange treu geblieben. Oder zurückgekehrt? Und das trotz der Gefahr des Entdecktwerdens, in der sich jeder Para vor dem Outing noch befand.

»Ich habe Jonathans Werke immer sehr gemocht und mich gerne mit ihm über sie ausgetauscht.« Duncan betrat das Zimmer, das Michael vorerst als Abstellraum benutzte. »Was willst du daraus machen?«

»Ein weiteres Büro - das heißt, sobald ich den ganzen Kram hier weggegeben habe.«

»Du willst das doch nicht ernsthaft alles hergeben, oder?«

Er zuckte mit den Schultern. »Was soll ich damit? Das Werkzeug  ist nicht mehr zu gebrauchen, die Hauswäsche verbraucht, teils löchrig.«

Ein leises Schnalzen von Duncan. »Für alles gibt es irgendwann einen Nutzen. Das Werkzeug zum Beispiel, wenn ich das ein wenig aufarbeite, ist es ein wunderbarer Wandschmuck.«

»Ja, für einen Handwerker vielleicht.« Grinsend lehnte sich Michael an den Türrahmen. »Aber in einem Hunterbüro?«

»Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wäre es mein Büro,  mir würde es gefallen.«

»Tatsächlich?« Als was er wohl vor seiner Zeit bei Liam gearbeitet hatte? Steinmetz? Zeugschmied? Büchsenschäfter? Passen würde es zu ihm. Ja, eine Zusammenarbeit konnte er sich immer besser vorstellen. »Wenn du tatsächlich bei mir anfangen willst, kannst du das Zimmer gerne als Büro nehmen und dir als Dekoration aufhängen, was immer dir gefällt.«

Duncan griff einen großen angerosteten Hufschmiedehammer und hielt ihn schmunzelnd an die Wand. »Nett, oder?«

»Hmhm. So lange du hier nicht das zu beschlagende Pferd dazu mit unterbringen willst.«

»Das ist ein Schwertschmiedehammer, keiner für die Hufeisenbearbeitung«, erwiderte Duncan und strich wehmütig über das rostige Eisen.

Dieser Arbeit ist er damals also nachgegangen. Da lag ich mit meiner Vermutung ja gar nicht so verkehrt.

»Aus wie vielen Huntern soll dein Team eigentlich bestehen?«

»Dreier-, maximal Viererteam.«

»Klingt gut.«

»Komm, ich zeige dir noch die beiden anderen Räume, die ich als Büro angedacht habe.«

Michael öffnete die Nachbartür. »Das hier war das Gesellschaftszimmer für die Mieter.«

»Nett. Ist mir für ein Büro aber eindeutig zu groß …« Duncans Blick wanderte über den noch immer mit Figuren bestückten Schachtisch, die Sitzgruppe mit den beiden gestreiften Sesseln und den mit grünem Stoff bezogenen Poker - oder auch für Bridge gedachten - Spieltisch. »… und zu verspielt.«

»Wohl nicht ganz dein Metier?«

»Nein, eher nicht.« Belustigt zog Duncan die Augenbrauen in die Höhe. »Und natürlich würde ich niemals gegen das Spielverbot für Paras verstoßen.«

Na sicher. Aber für eine Runde Poker war der Daywalker ganz offensichtlich nicht zu begeistern. Schade.

»Wo befindet sich eigentlich das Zimmer? Hier unten, oder …«, erkundigte sich Duncan, während sie zum Flurende durchgingen, wo sich nur noch ein Raum, die Treppe und der Ausgang zum Mauergarten befanden.

»Nein, das ist oben im ersten Stock.«

»Besser so. Nicht auszudenken, wenn man ständig darauf achten muss, dass nicht irgendwer gedankenlos hineinrennt.«

»Allerdings.« Michael öffnete die Tür des Zimmers, das damals als einziges im Erdgeschoss vermietet worden war.

 »Das soll von einem seltsamen Kauz bewohnt gewesen sein, der eines Tages auftauchte und von dem niemand wusste, woher er kam und was genau er eigentlich trieb.«

Duncan betrachtete das spartanisch eingerichtete Zimmer mit Bett, Schreibtisch und Schrank. Der Blick des Daywalkers blieb an dem Gemälde Báisteach na mothúcháin hängen, welches sich an der Wand hinter dem Tisch befand und zu den wenigen Gegenständen hier im Haus gehörte, die eindeutig nach Renvyles Zeit Einzug gehalten hatten. Dem Stil nach zu urteilen, handelte es sich um ein Gemälde, das um die 1970er Jahre herum entstanden sein musste.

»Regen der Gefühle«, murmelte Duncan und machte ein wehmütiges Gesicht, als würde der Titel eine ganz bestimmte Erinnerung in ihm wachrufen.

Ja, einen treffenderen Namen hätte man dem Gemälde mit dem silbernen, tiefroten und schwarzen Regenschauer - der ohne weiteres auch als Tränenfluss interpretiert werden konnte - wirklich nicht geben können. Warum es allerdings ausgerechnet in diesem Zimmer aufgehängt worden war, interessierte ihn noch immer brennend.

»Ein seltsamer Kauz, sagst du?« Duncan schüttelte den Kopf. »Nach Jonathans Tod wurde die Pension von keinem der wechselnden Besitzer fortgeführt. Und davor … Nein, da war niemand, den wir als Kauz bezeichnet hätten.«

»Du kannst dich an die Mieter noch erinnern?« Respekt, schließlich war das ein paar Jährchen her.

»Ihre Gesichter sind mir noch präsent.« Ein tiefes Durchatmen von Duncan. »Die Hungersnot damals vergaß niemanden - ganz besonders in Galway nicht. Wenn du in solche Gesichter blickst …« Duncan drehte sich weg.

Aber Michael war der Schmerz in seinen Augen nicht entgangen. Es musste grausam sein, einem solch übermächtigen Feind gegenüberzustehen, gegen den man nichts, aber auch gar nichts ausrichten konnte … Die plötzlich entstandene Stille lastete schwer und Michael schluckte gegen den Kloß an, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Verdammt - was sollte er sagen?

»Woher hast du die Information mit dem Kauz?«, unterbrach Duncan die Stille mit wieder fester Stimme.

»Hab' einige Nachforschungen angestellt - typische Jobkrankheit. Die in der Sicherheitsbranche wohl nicht üblich ist.«

Ein Lächeln von Duncan. »Von ein paar speziellen Kandidaten abgesehen, über die man sich informiert ... allerdings.«

Zurück im Flur ging Michael vor Duncan die schmale Treppe hinauf. »Die Zimmer im ersten Stock habe ich ebenfalls belassen wie sie waren und nur die Matratzen ausgetauscht. Dann können sich die Mitarbeiter mal aufs Ohr hauen, wenn sie müde sind.«

»Wohnst du auch hier auf der Etage?«

»Nein, ich hab mich oben im Dachgeschoss eingerichtet.« Er

öffnete die erste Tür auf der linken Flurseite. »Das Zimmer hat einer adligen Witwe gehört, die von ihrer Familie verstoßen wurde, weil sie den falschen Mann liebte. Er gehörte keiner der vierzehn Stämme von Galway an und die Familie war entsprechend empört, dass sie ihn trotz des ausdrücklichen Verbotes geheiratet hat. Sagt dir die Geschichte was?«

Duncan nickte ernst. »Die jüngste Tochter der Kirwans. Ihr Name war … Fiona, nein, Fianna. Eine wirklich warmherzige Frau, die es nicht verdient hat, so von der Gesellschaft geächtet zu werden. Aber manche Dinge ändern sich wohl leider nie.«

»Ja, leider.« Diese Regeln hatten nicht nur beim menschlichen Adel Gültigkeit, sondern galten auch in den Reichen der Anderswelt. Allen voran Lochlann. Phänomenale, hellblaue Augen und ein Lächeln, das ihn jedes Mal beinahe um den Verstand brachte, tauchten in seinem Geist auf. Mairéad … Ein leichtes Kopfschütteln.

Er musste loslassen. Endlich.

Michael deutete zum Schreibtisch, auf dem das Bündel mit Liebesbriefen lag, welches er hier unter der losen Diele vor am Bett gefunden hatte. »Von Fianna. An ihren verstorbenen Mann. Und wie sie ihm schreibt, muss zumindest der Mieter vom gegenüberliegenden Zimmer eine andere Meinung gehabt haben. Sie erzählt in den Briefen, er sei Handwerker und sie würden viel Zeit miteinander verbringen. Ganz platonisch, weil sie ihn noch immer so sehr lieben und vermissen würde.«

Bei seinen Worten verdunkelte sich Duncans Miene für einen kurzen Augenblick, dann deutete er mit dem Kopf zum Ende des Ganges. »Welches der beiden Zimmer ist es denn, in dem Jonathan sich umgebracht hat?«

»Hast du das damals nicht mehr mitbekommen?«

»Nein, ich bin kurz zuvor aus der Grafschaft weggezogen, habe es erst im Nachhinein erfahren.«

Ja, das beinahe nicht vorhandene Altern ab dem Erwachsenenalter vieler Paras machte es vor dem Outing leider immer wieder notwendig, in regelmäßigen Abständen umzuziehen. »Das Linke.«

»Warst du mal drinnen?«

Michael schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Wollte erst den Umzug fertig haben und mich dann in Ruhe meinem Mitbewohner vorstellen.«

»Kann ich verstehen. Ist das Zimmer abgeschlossen?«

»Nein. Wieso?« Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Etwa Lust, einem alten Bekannten 'Hallo' zu sagen?«

Skeptisch blickte Duncan zur Tür und Michael war sich sicher, dass er großzügig mit einem 'Ein anderes Mal'  ablehnen würde.

»Warum nicht? Vielleicht kann ich ihn erreichen.«

Okay, damit hatte er nun nicht gerechnet. »Bist du sicher?«

Duncan zuckte mit den Schultern. »Viel mehr, als dass er mich rausschmeißt, kann doch nicht passieren - denke ich.«

Michael trat einen Schritt zur Seite, deutete zur Tür. »Na dann - viel Glück.«

Duncan klopfte.

Keine Reaktion.

Er klopfte noch einmal.

Nichts.

Der Daywalker drückte die Klinke herunter und öffnete langsam die Tür. Nicht weit, nur etwas mehr als einen Spalt, und sah hinein. »Jonathan? Ich bin's, Duncan McClary. Erinnerst du dich?« Als keine Antwort kam, machte er die Tür weiter auf, ging einen Schritt in den Raum. Dann noch einen … und noch einen. »Ich bin seit kurzem wieder in Galway und dachte mir, ich komme mal vorbei und sage Hallo.«

Noch immer geschah nichts und Michael trat näher. Bis kurz vor die Türschwelle. Oh, wow … seit gut einhundertfünfzig Jahren war außer Renvyle kaum eine Seele in diesem Zimmer gewesen - und trotzdem gab es nicht einmal ansatzweise irgendwo Staub zu sehen. Duncan befand sich jetzt gut zwei Meter im Raum, blickte sich um, sah zu ihm und zuckte mit den Schultern. Der Daywalker ließ die Fingerknöchel knacken, lockerte sich mit leicht kreisender Bewegung die Nackenmuskulatur - beinahe wie ein Boxer vor dem erwarteten Kampf. »Nichts zu seh-«

»Hinter dir!«

Da stand er. Aus dem Nichts. Groß, mit schwarzen Haaren, die aristokratischen Gesichtszüge wutentbrannt. Duncan wirbelte zu ihm herum, wich zurück. »Hallo Jonathan. Ich störe dich doch nicht gerade bei … irgendwas?«

Ein lauter, hohl klingender Schrei. Eine Bewegung, die für Michaels Augen kaum noch zu erfassen war und Duncan wurde im hohen Bogen durch die Luft katapultiert, fing sich im Flug und schaffte es irgendwie, auf seinen Füßen zu landen, bevor er mit voller Wucht an die Flurwand knallte. Dann krachte die Tür ins Schloss.

Heiliger Strohsack!

Duncan stand auf und sah zu Renvyles Tür. »Ein Schild mit 'Betreten verboten' wäre keine schlechte Idee.« Dann deutete er auf das gegenüberliegende Zimmer. »Und du solltest dir ganz genau überlegen, wem du das zum Schlafen überlässt.«

Michael lachte. »Willst du es?«

»Nein, lass mal«, erwiderte Duncan und zog die Brauen zusammen. »Wenn ich hier mal schlafen sollte …«, er drehte sich herum und sah den Flur entlang, »… dann würde ich gerne das von dem Handwerker nehmen.«

»Geht klar.« Er klopfte Duncan auf die Schulter. »Komm, gehen wir in die Küche und sehen mal, ob ich wirklich Bier im Kühlschrank habe. Und dann quatschen wir wegen des Jobs.«

»Ja, nach dem Rausschmiss wäre ein kaltes Bier sicher nicht verkehrt.«

Michael ging die Treppe herunter - lautes Knarren der siebte Stufe, darum musste er sich unbedingt noch kümmern - und bog in die Küche ab. Wie sehr er es mochte, wenn das Licht der Abendsonne durch die Fenster auf die alten Fliesen fiel

Überrascht blieb Duncan im Türrahmen stehen. »Das glaub' ich jetzt nicht.«

Amüsiert beobachtete er den Daywalker, wie dieser zur Vitrine und den Regalen ging und dort die Aufschriften diverser Apothekerflaschen, Dosen und Schachteln studierte.

»Du betreibst … Hexerei?«

Zauberei. Den Genuss, zum Hexer oder Magier aufzusteigen, muss ich nicht unbedingt haben. Michael zuckte mit den Schultern. »Nur Natur- und Kerzenmagie.«

»Nur ist gut.« Duncans Blick wanderte durch den Raum und blieb dann am Fenster hängen. »Du hast das Haus magisch geschützt.« Er begutachtete das aufgehängte Windspiel aus drei dünnen Ebereschenröhrchen. »Also rechnest du mit Angriffen. Dann steht es wohl außer Frage, dass du dich mit deinen Huntern nicht auf Verkehrssünder spezialisieren wirst.«

»Genau. Nur das Rüpelzimmer oben habe ich ausgespart.«

»Jonathan selbst ist ja nun aber auch wirklich der beste Schutz, wie man eben sehen konnte … Und dabei war er früher die Ruhe in Person«, merkte Duncan an, während er am ersten Holzröhrchen des Windspieles roch. »Salz?«

»Yepp.«

»Weißdorn?«, fragte er, am zweiten riechend.

»Fast richtig. Mistel.«

»Ja, beides schwer voneinander zu unterscheiden. Sogar ihr magischer Geruch ist beinahe identisch.«

Wie groß der Unterschied zwischen dem normalen und dem magischen Duft wohl war? Michael hatte keine Ahnung, aber jedenfalls beneidete er die Paras für diese Fähigkeit, die den Menschen vorenthalten war.

Beim dritten wurde es offensichtlich etwas schwieriger - Duncan entfuhr ein nachdenkliches »Hmmm …« als er an dem Röhrchen roch. »Ich tippe auf … Hämatit.«

»Richtig.«

»Gute Kombination als Schutz gegen Schwarze Magie und ungebetene Paranormale Besucher. Wo hast du dein Wissen über Naturmagie her?«

 

»Wow!« Sein Arm schoss zurück. Das zwiebelte aber ordentlich.

Rachel lachte herzhaft auf. »Ja, genau so erging es mir auch bei meinem ersten Versuch.«

 

»Ich habe mich während meiner Studienzeit mit der Zauberei befasst und dabei die Naturmagie zu schätzen gelernt.«

Fragend sah Duncan zu ihm herüber. »Wie das? Damals gab es doch noch gar keinen Studiengang für Parapsychologie.«

»Ich habe Psychologie und Keltologie studiert. Das mit der Naturmagie«, er klopfte auf eine der geschlossenen Bücherkisten, die hier noch auf das Auspacken warteten, »hat sich nebenher ergeben.« Dank Rachel.

Michael ging zum Kühlschrank, öffnete die Tür und nahm zwei Galway Hooker heraus. Mit seinem Feuerzeug schnippte er die Kronkorken ab, reichte Duncan eine Flasche und trank aus der seinen einen Schluck. Nachdenklich sah er den Daywalker an. Ihn im Team zu haben, statt ausnahmslos mit Menschen ihren Paranormalen Aufträgen nachzugehen, wäre zweifelsohne ein Vorteil. »Du willst also tatsächlich bei mir als Hunter arbeiten?«

Die fest entschlossene Miene kehrte auf Duncans Gesicht zurück. »Ja.«

Michael schüttelte den Kopf. »Ich versteh‘s echt nicht. Schließlich hattest du bei Liam einen Job, um den dich so manch einer beneiden würde. Von der Bezahlung ganz zu schweigen.«

Duncan legte die Stirn in Falten und nahm einen Schluck von seinem Bier. »Ich brauche einfach eine … Luftveränderung.«

»Was ist passiert?«

»Nichts Besonderes. Ich will nur wieder raus auf die Straße und dort arbeiten. Wieder selbst Teil des Lebens sein und nicht Nacht für Nacht im Caer Hafgan stehen und den anderen dabei zusehen.«

Der Daywalker wirkte auf ihn mit einem Mal wie das Haus, bevor er beschlossen hatte, es zu kaufen - trotz der sehr langen Liste unglücklicher Vorfälle. Das Haus hatte eine Veränderung gebraucht, endlich Leben. Und vielleicht benötigte Duncan jetzt eben auch dringend eine Veränderung in seinem Leben. Ob sich dafür der Job als Hunter eignete? Nun, das würde sich zeigen. Michael nickte. »Kann ich verstehen.« Er stellte die Bierflasche auf den Tresen und ging auf den Daywalker zu. »Mein Angebot: Tausend Euro Gehalt, plus zwei Prozent der jeweiligen Kaution. Einverstanden?« Er streckte Duncan die Hand entgegen.

»Ja, absolut, ist mehr als fair.« Sein Händedruck war fest, die Haut angenehm warm, kein Vergleich zu der kalten Haut von Vampiren. »Wann soll ich anfangen?«

»Morgen um neun Uhr.«

Ein Lächeln. »In Ordnung.«

Michael nahm seine Flasche wieder vom Tresen, trank einen Schluck. »Noch Fragen?«

»Ja. Von wem erhalten wir unsere Aufträge? Arbeiten wir mit verschiedenen Kautionsagenten zusammen oder bürgst du selbst bei Gericht für die Kautionen?«

Auch, wenn er durchaus in der Lage dazu war … auf die ständige Bürokratie und die Nerverei mit den Richtern konnte er wirklich verzichten. »Wir arbeiten ausschließlich mit einem Agenten zusammen. Es ist Zac Balor.«

Duncans Brauen wanderten nach oben. »Balor mischt im Kautionsgeschäft mit?«

»Ja, seit Kurzem.« Verständlich, dass Duncan verwundert war, wer rechnete schon damit, dass ausgerechnet der Fürst von Ildathach in dieser Branche tätig war.

»Gut. Dann wäre soweit ja alles geklärt.« Michael stellte seine Flasche auf dem Tresen ab und sah zu der antiken Pendeluhr.

Scheiße! Schon so spät. Da schenkte ihm Ruby schon eine Uhr - damit er endlich einmal pünktlicher wurde - und dann … Er schnappte sich seine Lederjacke, die über dem Stuhl hing und zog sie an. »Ich muss los. Bin im Paddy‘s zum Gaelic Football, Meisterschaftsendspiel, mit einem Freund verabredet. Brendon Nolan. Er leitet bei der hiesigen Gardaí  die Abteilung für Paranormale Fälle und ich arbeite eng mit ihm zusammen.«

»Ich muss auch los. Nochmal ins Caer Hafgan. Die Übergabe an den neuen Sicherheitschef steht noch an.«Duncan ging voraus und warf im Flur einen nachdenklichen Blick Richtung Treppe.

Ja, Renvyle. Eine Seele gefangen in so unendlichem Schmerz … Auch wenn es wenig Hoffnung gab, ihn von seinem Schicksal zu erlösen … vielleicht gelänge es ihnen gemeinsam, zumindest einen Weg zu finden, ihn für Kommunikation wieder zugänglicher zu machen.

»Bis morgen.« Michael öffnete ihm die Tür und steckte den Schlüssel ins Schloss. Mit einem Nicken verabschiedete sich Duncan und ging die An Fhaiche Mhor hinunter zu seinem schwarzen Audi A8, den er vor Rachels Haus geparkt hatte. Noch immer traute sich kaum jemand, dort seinen Wagen abzustellen. Selbst wenn es bedeutete, dass man den John F. Kennedy Memorial Park mehrfach umrunden musste, bis man einen Parkplatz bekam. Dass die Leute immer noch an diesen Schwachsinn glaubten, Rachel würde jedes Auto verfluchen, das dort parkte. Schließlich war das ein einmaliges Ereignis gewesen. Und ihr Ex hatte das mehr als verdient - Jordan war ein echter Dreckskerl. Wenn Rachel damals doch nur gleich erzählt hätte, was vorgefallen war …

Michael beobachtete, wie Duncan in seinen Audi stieg und losfuhr. Das war er nun also, sein erster Hunter. Als Halbvampir würde Duncan ihm mit seinen übersinnlichen Fähigkeiten sicher eine nicht zu unterschätzende Hilfe sein. Dennoch kannte er mindestens eine Person, die nicht erfreut sein würde, dass er Duncan eingestellt hatte. Mit einem Seufzer drehte er um und machte sich auf den Weg zum Paddy‘s.

Die Temperatur war deutlich gesunken und es fegte ein ungewöhnlich eisiger Wind, der ordentlich an den vierzehn Bannern der Familienstämme am Eyre Square zerrte. Michael klappte den Kragen seiner Jacke nach oben.

Wie immer herrschte in der Innenstadt reger Betrieb. Obwohl es sich bei dem Großteil der Passanten um Menschen handelte, und nur vereinzelt ein Para in der Menge auftauchte, hatte sich durch ihr Outing vor zehn Jahren vieles geändert. Die Nächte waren jetzt nicht nennenswert weniger belebt wie die Tage. Clubs und Pubs hatten bis zum Morgen geöffnet. Die Geschäftsleute hatten sich den neuen, zumeist nachtaktiven Mitbürgern angepasst und ließen ihre Läden in der Regel rund um die Uhr offen.

Am Paddy’s war dieser Wandel jedoch beinahe spurlos vorbeigegangen und nur selten verirrte sich ein Para in den Pub. Warum, konnte er gar nicht sagen. Vielleicht lag es am fehlenden Angebot magischer Getränke, vielleicht war der Pub den Paras aber einfach auch nur zu … menschlich traditionell.

Aber genau deshalb bevorzugte Brendon das Paddy’s. Auf die Idee, Läden wie das Caer Hafgan in seiner Freizeit aufzusuchen, würde sein bester Freund niemals kommen. Ein Fehler, Brendon wusste nicht, was er verpasste. 

Als er das Paddy‘s erreichte, öffnete er mit Schwung die Eingangstür und trat ein. Die vertraute stickige Luft schlug ihm entgegen und die Rockklänge vom Galway Street Club, die gerade ihre Coverversion von I Love You Like An Alcoholic anstimmten, hießen ihn Willkommen. Eine richtig tolle Interpretation des Songs, der das Original locker in die Tasche steckte - aber die Gruppe war sowieso einsame Klasse!

Für einen Mittwochabend herrschte ungewöhnlich viel Betrieb. Was wohl daran lag, dass es die Aran Islands ins Endspiel geschafft hatten. Zum ersten Mal. An den Tischen gab es kaum einen freien Stuhl und an der Theke - hinter der Paddy und Jill zu Höchstformen aufliefen - drängten sich die Gäste, als gäbe es heute für jeden Guinness auf Kosten des Hauses. Ein Blick auf einen der Fernsehbildschirme, die hinter der Theke an der oberen Wandhälfte befestigt waren, ließ ihm ein leises »Mist« entfahren. Das Spiel hatte bereits begonnen. Siebte Spielminute und die Four Roads lagen bereits mit einem Tor und drei Punkten vor den Aran Islands.

Scheiße. Da mussten die Jungs wirklich an Tempo zulegen, ansonsten hieß es bye-bye Meisterschaft. Er bahnte sich einen Weg zum Tresen, hob die Hand zum Gruß.

»Hi, Michael. Wie immer?«, fragte Paddy.

»Yepp.«  

»Kommt sofort.« Paddy deutete mit dem Kopf rüber zu zwei Typen, die ihrem Unmut über die Four Roads-Führung lautstark Ausdruck verliehen. »Mache den beiden nur ihre Pints fertig, bevor sie noch einen Herzkasper bekommen.«

Michael lachte. »Alles klar.«

»Ich mach' das schon«, rief Jill ihrem Mann zu.

Kurz darauf reichte sie ihm ein randvolles Pint Guinness über die Theke. »Hier, bitte.« Dazu reichte sie ihm zwei ihrer legendären Dulse-Scones. »Gib einen Brendon, dann ist er nicht mehr ganz so grummelig über deine Verspätung.«

»Danke, Jill. Du bist ein Schatz.«

»Das behauptet Paddy auch immer.« Liebevoll sah sie zu ihrem Mann herüber, der ihr einen Kuss auf die Wange gab.

»Weil's stimmt.« Die beiden passten wirklich toll zusammen. Michael zahlte mit einem Fünfer, trank einen Schluck von seinem Bier ab und machte sich auf den Weg in den hinteren, etwas abgegrenzten und ruhigeren Gastraum des Pubs.

An seinem Stammtisch erblickte er Brendon.

Die Aran Islands schienen gerade den Hintern hochzubekommen. O'Casey rannte auf das Tor zu - der Lärmpegel im Paddy's stieg augenblicklich an - da eine Lücke. Ein überragender Wurf von O'Casey. Pfosten! Feck! 

Laute Enttäuschung im gesamten Pub.

»Kein guter Start, was?« Er reichte seinem Freund ein Scone.

»Danke.« Brendon rubbelte sich mit den Fingern über die rotbraunen kurzen krausen Haare. »Vollpfosten! Im wahrsten Sinne des Wortes. So wird das nie was mit der Meisterschaft.«

»Wird schon noch.« Michael stellte sein Pint auf dem Tisch ab und setzte sich.

»Du bist spät dran. Seit wann verpasst du den Anpfiff, wenn die Aran Islands spielen?«

»Ich hatte noch ein Vorstellungsgespräch und ja …« Mist, also doch jetzt schon. »… wie’s aussieht, ab morgen meinen ersten Mitarbeiter.«

Gespannt sah Brendon ihn an. »Wirklich? Na, das ging aber fix. Wenn man bedenkt, dass die Anzeige heute erst in der Galway Independent erschienen ist.«

»Er kam nicht aufgrund der Anzeige.«

»Sondern?«                                                                                                 

Michael atmete durch. »Es ist jemand von Parkers Leuten.«

Brendon kniff die Augen zusammen. »Das ist nicht dein Ernst, oder? Wer?«

Dass sein Freund Liam nicht ausstehen konnte … er hatte nie einen Hehl daraus gemacht - und dabei war er ihm noch nicht einmal begegnet. Okay, hätten sie das, es wäre der Abneigung sicherlich förderlich gewesen. Der Sidhe war eben … speziell. »Duncan McClary.«

»Dieser Vampir?«

»Daywalker.«

»Von mir aus Daywalker. Dennoch ein Blutsauger.« Fassungslos schüttelte Brendon den Kopf. »Du weißt schon, dass du damit ein verdammt hohes Risiko eingehst, oder?«

»Wieso? Weil er ein Daywalker ist? Brendon, wir reden hier vom ehemaligen Sicherheitschef des Caer Hafgans. Der Job setzt doch voraus, dass man sich unter Kontrolle hat.«

Jubel brach im Pub aus und Michael warf einen kurzen Blick

zum Bildschirm. Die Aran Islands hatten ein Tor erzielt.

»So, wie Marvin Blake sich unter Kontrolle hatte?«, entgegnete Brendon mit gepresster Stimme.

Michael senkte schüttelnd den Kopf und starrte auf sein Pint. »Ach, Mann … Scheiße …« Eine wirklich katastrophale Geschichte damals, die Brendon beinahe das Leben gekostet hätte … Der Daywalker hatte nach einem vermeintlichen Vampirüberfall auf eine junge Frau als Zeuge ausgesagt, war sogar bereit gewesen, für die Garda Síochána als Spitzel zu fungieren. Brendon hatte versucht, Blake gegenüber misstrauisch zu bleiben. Aber der Daywalker gehörte nicht nur einer der vierzehn Galwayer Stämme an, sondern verstand es vor allem auch, das weiche Herz seines besten Freundes zu berühren. Letztlich wurde Brendon Blakes Kontaktmann. Wochenlang arbeiteten die beiden eng zusammen. Dass der Daywalker dem Blutrausch verfallen war und seinen unbändigen Durst an über einem Dutzend Frauen auf brutalste Art und Weise gestillt hatte, konnte niemand ahnen - auch Brendon nicht. Der Schock hätte seinem besten Freund beinahe das Leben gekostet. Als der Daywalker das Feuer auf ihn eröffnete, reagierte Brendon zu spät und der Schuss verfehlte seine Baucharterie nur knapp. Zum Glück waren Scott mit ein paar Cops rechtzeitig am Tatort gewesen, hatten Brendon retten, und Marvin Blake verhaften können. Nun saß das Schwein seit neun Monaten in seiner Zelle und wartete auf die Überführung nach Dublin, wo die Vollstreckung des Todesurteils durch Enthauptung stattfinden sollte. Ja, eine barbarische, aber leider auch notwendige Strafe, die wegen der Paras wieder ins Gesetz aufgenommen werden musste.

Wirklich schrecklich, was Brendon alles hatte mitmachen müssen … aber es waren die Dämonen seines Freundes, nicht seine. Und Brendons Misstrauen konnte nicht zu seinem werden und sein Leben bestimmen. So sehr er sich auch wünschte, dass diese Sorge, diese Angst aus Brendons Blick verschwinden möge. »Duncan McClary ist kein Marvin Blake«, sagte er mit eindringlicher Stimme. »Nicht jeder Daywalker oder Vampir verfällt dem Blutrausch und schlachtet deshalb einen Menschen nach dem anderen ab. Und nicht jeder Para, der seine Hilfe anbietet, will damit seine abscheulichen Taten verschleiern, Brendon.«

Ein sichtbar enttäuschter Blick seines Freundes. »Dann hoffe ich für dich, dass du diese Entscheidung eines Tages nicht bitter bereuen wirst.«

»Werde ich nicht! Nicht bei Duncan.«

 

 

Leseprobe 2

 

 

Riot Pack: Fairiestaub und andere Scherereien

 

Trouble

 

 

Da war ich also. Das Ende der asphaltierten Pier verlor sich vor meinen Augen in der Dunkelheit und dem vom Fluss her aufziehenden Nebel. Beim Laufen kickte ich einen einsamen Stein zwischen zwei Holzleisten durch das Geländer in das dunkel glitzernde Wasser. Für einen Moment übertönte das leise Platschen die Ahnung von Musik, welche der Wind vom anderen Ufer über den Shannon trug.

Die Anderswelt feierte nur vier Feste. Von denen war Lughnasadh sicher nicht das Wichtigste, dafür aber mit all seinen unterschiedlichen Wettkämpfen das mit Abstand Unterhaltsamste. Sieben Nächte anstatt nur einer, in denen man es ordentlich Krachen lassen konnte.

Ich Glückspilz hatte meine Geburt heute vor einundzwanzig Jahren überlebt – meine Mutter nicht. So war es nicht nur die Alte Ordnung, die mich Bastard lieber tot sehen wollte.

Die 'Fürsorge' meines werten alten Herren zu überstehen, war dennoch ein Klacks gewesen. Ob er einen Gedanken an mich verschwendete … sich fragte, wie es dem Halbelfen mit seinen räudigen Genen so ging? Egal. Keine Ahnung, warum ich überhaupt noch an ihn dachte.

Ohne langsamer zu werden, wanderte mein Blick hinüber zu den Westfield Wetlands, wo die Lughnasadh-Feuer schwach durch die dichten Nebelschwaden schimmerten.

Ich hatte zwar keine Ahnung, welcher Art des Kräftemessens die reinrassigen Paranormalen dort drüben in den Sümpfen von Limerick gerade bei ihren traditionellen Spielen nachgingen, war mir aber sicher, dass die Gesetze der Menschen zu brechen, wesentlich besser zu mir passte.

Meine Aufmerksamkeit wanderte zurück zur Pier, deren Ende nun gemeinsam mit dem ParaDox auftauchte. Wenn die Gerüchte stimmten, war heute wirklich alles vertreten, was in der Paranormalen Zockerwelt Rang und Namen hatte.

Ja, natürlich war morgen der 1. August, und vielleicht sollte ich mich langsam darum kümmern, den Rest für die Miete zusammenzukratzen – aber im Prinzip nahm ich doch genau das hier und heute, in der Nacht der Nächte, in Angriff. Vom wem konnte man schließlich mehr über das Zocken lernen, als von der Crème de la Crème höchstpersönlich? Alles Einzelkämpfer, die genau wussten, wie die Dinge anzupacken waren und wunderbar ohne fremde Hilfe zurechtkamen.

Genau wie ich.

Ein wirklich mieses Gefühl überkam mich plötzlich und ich blieb abrupt stehen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, die Hände wurden feucht und der Wolf in meinem Inneren begann zu knurren – war auf der Hut. Umdrehen, nach Hause gehen! Nach Hause rennen!

Ich musste grinsen. Nach Hause – wie absurd. Welches Genie war denn auf die Idee gekommen, einen Angstzauber auf die Pier zu legen? Auf diese Weise hielt sich der Zockerladen also die Menschen vom Hals. Und damit verbunden, natürlich auch Trouble mit den Cops. Nett.

Reg dich ab, das ist nur eine Illusion, wies ich den Wolf in mir zurecht und setzte mich wieder in Bewegung.

Das ParaDox. War es Zufall oder Absicht, dass die beiden ehemaligen Lagerhallen durch die kobaltgrauen Fassaden und die großen, milchigen Glasfronten wie die kleine Schwesterburg von Caer Loyw wirkten?

Glaubte man den Geschichten, die sich in der Anderswelt über den berüchtigtsten Hexenwohnsitz der Unterwelt erzählt wurden, war die Glasfestung Zuflucht aller Verfolgten und Falle ihrer Jäger zugleich.

Nur das Lokalschild über der Eingangstür und der Speisekartenaushang zur Rechten wollten nicht so ganz zu dem Caer Loyw-Mythos passen und vermittelten tatsächlich eher den Eindruck, als würden Paras ausschließlich hierherkommen, um sich den Magen vollzuschlagen. Ob die Karte Teil der Tarnung ist oder man sich wirklich etwas zu Essen bestellen kann? Prompt begann mein Magen unüberhörbar zu knurren.

Nichts da, ich befand mich hier ja schließlich nicht beim Großen Fressen, das heute in Dagdas Festsaal stattfand, und wo dem tapfersten Krieger des Jahres, die Ehre des Heldenbissens zuteil wurde. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, dass mein Vater diesen schon erhalten hatte und vielleicht, ja, vielleicht wieder dran teilnahm. Ein Mann, der nicht einmal tapfer genug gewesen war, sich seinem eigenen Kind zu stellen. Also ob meine Zeugung meine schlechte Idee gewesen wäre.

Der Speichel schoss mir in den Mund, ich konnte die Röstaromen beinahe riechen, die zarten Fasern zwischen den Zähnen spüren und –

Dreimal verflucht! Schluss jetzt! Die Verfressenheit meines Wolfes nervte mitunter ganz schön gewaltig.

Mit Schwung öffnete ich die verwitterte graue Idhotür …

Augenblicklich schlug mir der schwere Geruch von Moschus, Erdrauch, Patchouli, Eibe, Tollkirsche, Alkohol und jeder Menge Hormone entgegen und gab mir das Versprechen, am richtigen Ort zu sein. Der Schankraum war jetzt, eine Stunde nach Sonnenuntergang, brechend voll. Aus den Lautsprechern dröhnte The Dirty Glass von den Dropkick Murphys.

Cooler Song.

Ich sah zu der rustikalen Moosbeerbaum-Theke, die entlang der gesamten linken Seite verlief und sich fest in Werwolfhand befand. Es gab nicht einen freien Barhocker und der Lautstärkepegel war dort nicht gerade als leise zu bezeichnen. Was ihnen auch vernichtende Blicke von ein paar Hochelfen einbrachte, die an einem kleinen Rundtisch ganz in der Nähe der Theke saßen und sich offenbar durch das Gegröle der Wölfe beim Essen gestört fühlten. Na, wenn das mal früher oder später nicht für Trouble sorgte, wollte ich nicht mehr Kilian Deane heißen.

Ich ging zum Tresen, quetschte mich zwischen zwei Muskelprotzen zum Barkeeper durch. Sein schwacher Wolfsgeruch verriet ihn sofort als dunkelhäutigen Menschenmischling und seine Augen hatten dieses durchdringende Verständnis, mit dem Barkeeper ihrer Kundschaft bisweilen auf den Pelz rückten. Er schien zu bemerken, dass ich daran kein Interesse hatte und beförderte die Altherrenschiebermütze, die er trug, mehr in den Nacken und – oha. Was schimmerte denn da am linken Mützenrand? Waren das tatsächlich Rasierklingen? »Nette Kappe.«

Er beugte sich ein wenig vor und antwortete beinahe verschwörerisch: »Ja, Peaky Blinders.«

Hä? »Ach ja – alles klar.«

»Und? Was darf's sein?«

Eine Erklärung. Wäre nett gewesen, aber ich entschied mich dann doch gegen eine Geschichtsstunde. »Ein Pint Murphys und …«, kurzer Check über das Spirituosen-Angebot im Regal, »… einen doppelten Pogues bitte.« Mal sehen, ob dieser Whiskey wirklich von der Tragik, Komik, Liebe und dem Leben an sich erzählte, wie ihn die irische Band The Pogues nicht nur besang, sondern auch zelebrierte.

Der Barkeeper sah vom Zapfhahn zu mir auf. »Ärger? Liebeskummer?«  

»Nö, Geburtstag.«

Ein Daywalker drängte sich neben mir an die Theke. »Hey, Jamie, machst du mir bitte noch ein Guinness?«

»Kommt sofort.«

Kurz darauf erhielt der Daywalker seine Bestellung. Und mir schob Jamie das Pint Murphys über den Tresen. Er griff zwei Whiskeygläser, füllte in beide etwas von dem Pogues. Eines reichte er mir, das andere hob er zum Toast. »An seinem Geburtstag sollte man nicht alleine trinken, Junge. Sláinte, auf dich.«

»Sláinte.« Ich roch am Whiskey. Mhmmm … Der Pogues-Sänger verstand wirklich etwas von Sex, Drugs und Rock'n Roll. Das herrliche Aroma aus dunklen Früchten, Karamell, Malz, Zitronenschale und Honig betörte geradezu meine Nase. Auf den Untergang, Kumpel. Ich trank den Whiskey in einem Zug leer …

Wirklich gutes Zeug, das schmeckte definitiv nach mehr. War nur die Frage, ob ich mir das auch leisten konnte. »Was bekommst du von mir?«

Jamie winkte ab. »Geht zur Feier des Tages aufs Haus.«

»Danke.« Mit dem malzig-süßen Nachgeschmack des Pogues auf der Zunge, ließ ich meinen Blick durch den hinteren Bereich des Raumes gleiten – und entdeckte dort dann auch den Grund für meinen Besuch: Die Spieltische.

Für mein Murphys nahm ich mir einen Moment mehr Zeit. Das war etwas für den Durst – und vertraut.

Ich schob die leeren Gläser zurück über den Tresen und erntete von Jamie so einen väterlichen Rat-Blick. Lass' mal gut sein. Also da waren mir die Rasierklingen für die unartige Kundschaft eindeutig lieber als diese Verständnisscheiße.

Gut gelaunt bahnte ich mir einen Weg durch das Gedränge. Es juckte mir in den Fingern, der ein oder anderen Brieftasche Auslauf zu verschaffen. Aber unter meinesgleichen war das ein anderes Risiko als unter Menschen, die im Gegensatz zu Wölfen zwar nicht blind und taub geboren waren, es aber definitiv mit der Zeit wurden.

Plötzlich stieß ich mit einer Wolfshybridin zusammen.

Oh.

Wow.

Was für ein Rasseweib!

Langes schwarzes Haar, das ihr in weichen Wellen über die Schultern fiel und fast bis zur Hüfte reichte. Dazu noch schwärzere Wolfsaugen, mit Feuer darin. Hübsche kleine Spitzohren, wie sie für Sidhes typisch waren. Und ein schlanker, aber verdammt gut durchtrainierter Körper mit den längsten Beinen, die ich mir nur vorstellen konnte. Sollte irgendwann einmal jemand behaupten, Werwolf und Sidhe in einem Wesen zu vereinen, sei ein Fehler, den würde ich vor diese Frau schleifen und ihn zwingen, sie ganz aufmerksam zu betrachten. Mit ihrer Anziehungskraft, Geschmeidigkeit und Wildheit brachte sie sicher jeden Kerl, egal ob Para oder Mensch, um den Verstand.

Ein Glück für mich, dass ich nicht auf Rasseweiber abfuhr. Denn mein etwas zu langes Mustern und mein entschuldigendes Lächeln, reichten vollkommen aus, damit ein finster dreinschauendes, zwei Meter großes Muskelpaket eines weiteren dunkelhäutigen Wolfshybriden mich ins Visier nahm und ein warnendes Knurren von sich gab. Heilige Scheiße, dieses schwarze Wabern in seiner Aura ... Steckt da tatsächlich auch noch ein Dämon in ihm? Offenbar war ich in sein Revier eingedrungen.

Hoppla.

Vielleicht keine schlechte Idee, weiter in Richtung Glücksspiel zu ziehen. In Anwesenheit eines Dämons war es ratsam, höllisch achtzugeben, was man sich wünschte. Und der Kerl sah so aus, als benötigte er keine zwei Wimpernschläge, um mich in der Luft zu zerreißen. Das musste ja nicht zwingend sein.

Drei Spieltische lockten, die durch farbige Strahler ausgeleuchtet wurden wie kleine Bühnen. Alle waren voll besetzt, aber nur einer von ihnen zog auch eine größere Publikumsmenge an. Also saß dort die Crème de la Crème.

Trotzdem wollte ich erst einmal schauen, was an den beiden anderen ablief.

Am ersten Tisch: Black Jack. Ja, ganz nett, aber nur, wenn sich die Richtigen daran versuchten. Und das war bei den beiden Leprechauns und den vier Fairies offensichtlich nicht der Fall. Die beiden Leprechauns gifteten sich an und die Fairies hatten wohl Mühe, ihre Konzentration zu behalten und sorgten mit ihrem eiligen Geflatter dafür, dass die Bank gewann. Bestimmt sackte der Kartendealer den Gewinn ein, aber nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, waren es hart verdiente Chips. Und zack, wirbelte das Deck durcheinander und eine Fairie verzog sich, noch bevor ein zorniger Blitz des fetteren Leprechauns sie treffen konnte.

All out, würde ich sagen.

Bei Tisch Nummer zwei war Baccarat angesagt. Wichtige Gesichter, teure Anzüge, jede Menge Chips, aber keine Aktion. War das die Crème de la Crème? Gähn … 

Also doch gleich auf zum dritten …

Ich grinste. Texas Hold‘em.

Perfekt.

Ich schob mich an einem hageren Sidhe vorbei, um die Spieler besser beobachten zu können.

Bei den drei Reichen der Anderswelt, was für eine Truppe. Ein hellblonder Elf, ein verhalten wirkender Hybrid, dessen Geruch ihn als Sidhemenschen auswies, und … ein richtig dunkles Wabern in der Aura des dritten Spielers. Hui, noch ein weiterer Dämon, der sich im ParaDox die Ehre gab. Hatten die heute ihr Jahrestreffen, oder warum liefen hier gleich zwei von der Sorte herum? Neben dem Dämon saß eine furchtbar süße … ja, was?

Dass es sich um eine Paranormale handelte, stand anhand des warmen Schimmerns von Gold- und Brauntönen in ihrer Aura außer Frage, aber sie gehörte keiner der Rassen an, die mir schon mal über den Weg gelaufen waren.

Vervollständigt wurde die Runde der Spieler durch – bei Dagda – Iain Foley. Nicht, dass ich den Magier an seinem Aussehen erkannt hätte – dazu waren die Beschreibungen, die sowohl in der Anderswelt, als auch hier in Irland über ihn kursierten, zu unterschiedlich. Nein, die perlmuttschimmernden Karten, die der Kerl beim Durchmischen von einer Hand in die andere, im hohen Bogen durch die Luft wirbeln ließ, verrieten ihn.

Sein magisches Kartendeck.

Etliche Geschichten hatte ich schon darüber gehört. Angeblich sollte es die einzigartige Fähigkeit besitzen, jeden Betrug sofort zu bemerken und bereits beim kleinsten Versuch der Unehrlichkeit, für alle deutlich sichtbar, hell aufleuchten. Und dieser Kontrolle unterlagen alle Zocker, die sich am Spiel beteiligten. Auch ihr Besitzer Iain Foley. Zusätzlich sollte sich das Kartenblatt innerhalb eines Wimpernschlages in messerscharfe Waffen verwandeln können. Legende oder Wahrheit? Der ultimative Bluff?

Eine neue Partie begann und der Magier verteilte die Karten. Sofort ging es heiß her. Keiner passte und die Chips flogen nur so in die Mitte. Immer höher stiegen die Einsätze, jeder hielt mit, die Luft knisterte förmlich.

Ich übte mich ein wenig im Auslesen der Zocker.

Die überhebliche Miene des hellblonden Elfs ließ nicht durchblicken, ob er ein gutes oder ein schlechtes Blatt auf der Hand hatte. Beinahe alle Vertreter dieser Rasse trugen solch ein Gesicht zur Schau – nervtötend. Der Teil meiner Verwandtschaft, die ich tatsächlich noch weniger leiden konnte, als die meisten mit Fell.

Von dem Dämon neben Blondie ging solch ein widerwärtiger, honigsüßer Duft der Freude aus, dass er anscheinend ziemliche gute Karten haben musste. Oder er witterte die Chance, einen Pakt besiegeln zu können. Aber der Geruch blieb durch die Runden, war also kein Kriterium, nur eine Waffe gegen geruchsempfindliche Mitspieler. Man wollte sich schon nach kurzer Zeit mehr mit der Nase beschäftigen.

Und die hübsche Unbekannte? Die Paranormale schien zu bemerken, dass ich sie beobachtete, denn sie strich eine schwarze, seidig glänzende Strähne hinter das Ohr und erwiderte meinen Blick. Wow, ihre wundervollen traurigen braunen Augen funkelten schöner als der reinste Rauchquarz. Leider entsprach die Traurigkeit ihrer Situation. Viele Chips lagen nicht mehr vor ihr auf dem Tisch.

Der Hybrid schien eine Glückssträhne zu haben. In seinem Besitz befanden sich die meisten Chips. Seiner Duftnote und der schneller pulsierenden Halsschlagader nach zu urteilen, musste er gerade entweder verdammt gute Karten, oder absolut gar nichts haben.

In Foleys Miene hingegen gab es nicht die geringste Möglichkeit, abzulesen, wie gut das Blatt war, dass er auf der Hand hatte. Und auch in Sachen Geruch ließ sich der Kerl nicht in die Karten schauen. Ein echtes Pokerface, durch und durch. Er wurde seinem Ruf wirklich gerecht. Und wie es schien, der einzige echte Profi hier am Tisch.

Die Partie strebte ihrem Ende entgegen. Blondie, der Dämon und die unbekannte Schönheit stiegen aus – Sehr gut, mein Mädchen. Der Hybrid jedoch hielt nicht nur Foleys Einsatz mit, sondern riskierte alles und ging All In.

Gewagt.

Die Karten wurden aufgedeckt.

Alle Achtung, wirklich mutig von Foley. Er schlug die beiden Asse seines Gegners mit einem mageren Siebener-Drilling. Da hätte leicht jemand mit seinem Blatt drüber liegen können. Was bei Blondie wohl offenbar der Fall gewesen sein musste. Der Ärger über sein frühzeitiges Aussteigen wallte deutlich riechbar in seiner Duftnote auf.

Blass wie ein frisch geborener Vampir vor seiner ersten Mahlzeit, erhob sich der Hybrid von seinem Stuhl. Ob er viel Geld in den Wind geschossen hatte? Je weiter der Sidhemensch sich vom Tisch entfernte, desto geknickter und schwächer wirkte er plötzlich.

»Wie's aussieht, ist gerade ein Platz frei geworden«, sagte eine ruhige Stimme.

Meine Aufmerksamkeit wanderte zurück zum Tisch.

Iain Foley sah mich! prüfend an. »Du wirkst, als hätte es dir Texas Hold'em angetan. Lust einzusteigen?«

Ich? Mit einem lächelnden Kopfschütteln wollte ich die Einladung ausschlagen – ganz ehrlich – da begegnete ich den traurigen, fast schon flehend dreinschauenden braunen Augen der Unbekannten. Und schon war's um mich geschehen. Ich stand einfach auf traurige Augen, was sollte ich tun? »Na klar.« Bin ich verrückt?

Der Magier deutete wortlos auf den freien Stuhl – und ich kam der Aufforderung nach. Nicht zu fassen.

»Mit wie viel Einsatz willst du einsteigen?« Erwartungsvoll blickte Foley mich an und spielte dabei mit den Chips in seiner Hand.

Naja, viel gab mein Geldbeutel derzeit nicht her, aber vielleicht interessierte den Magier ja die Münze, welche dieser Leprechaun bei der letzten Pokerpartie gesetzt und verloren hatte. Und großes Wolfsehrenwort, es handelte sich dabei nicht um eine der berüchtigten magischen Münzen der Kobolde. Ganz sicher nicht. Ansonsten wäre sie ja auch längst nicht mehr in meinem Besitz. »Wie hoch ist das Limit?« 

Foley grinste verschmitzt. »Du kannst so viel deiner Lebensjahre setzen, wie es dir beliebt.«

Scheiße! Die Gerüchte stimmten also. Bei Foley beförderte einen schon der Einsatz des Small Blinds ein Stück näher an den endgültigen Tod. Aber he, was soll's? Ein paar Jährchen ließen mich im Zweifelsfall auch nicht älter aussehen. Wenn alles rund lief, hatte ich ja noch einige Jahrhunderte zur Verfügung. »Ich nehme Chips für fünfzig Jahre.«  

Foley nahm zehn Fünferchips und begann leise Worte in einer Sprache zu murmeln, die ich nicht verstand. Ich spürte ein Krabbeln, Zerren und Ziehen in meinem Inneren und beinahe wäre mir ein verdammtes Knurren herausgerutscht.

Foley blickte auf. »Bist du dir sicher?«

ICH klar! Aber mein verzogener, feiger Wolf klammerte sich an die paar Jährchen wie an einen Knochen. »Oh, ich überlegte nur, hundert daraus zu machen. Aber ich will mein Glück nicht einschüchtern«, erwiderte ich und atmete tief in den Bauch, stellte mir einen Käfig vor, stopfte das Fellbündel hinein und schlug entschlossen die Tür zu. Schluss!

»Also gut«, meinte Foley und wiederholte die Geste und das Murmeln seiner Formel.

Wolf, halt's Maul und ich besorg uns dafür noch ne Familienpizza.

Der Magier reichte mir die Chip, dann begann er damit, die Karten an die Spieler zu verteilen.

Jeder zwei. Natürlich verdeckt.

Vorsichtig hob ich meine beiden an einer Ecke an. Kreuz Sieben und Herz Zehn. Nicht ideal, aber genug, um nicht auszusteigen, also warf ich fünf Jahre in den Pott. Die restlichen Spieler gingen in gleicher Höhe mit.

Das Rasseweib, mit dem ich zusammengestoßen war, kam an den Tisch geschlendert. »Möchte jemand einen Drink?«

Ehrlich? Sie war hier Kellnerin? Das hätte ich nun wirklich nicht vermutet.

Erwartungsvoll sah sie in die Runde. Wobei ich den Eindruck gewann, dass ihr Blick bei mir einen Moment länger verweilte als bei den anderen. Ich war das neue Gesicht hier, oder schaute sie mich so an, weil es sich bei mir um das neue Opfer handelte?

Der Dämon ignorierte die Frage nach den Getränken, Foley bestellte eine Bloody Mary, Blondie einen Poison und meine hübsche Unbekannte lehnte mit einem solch bedauernden Blick ab, dass es mein Herz zum Schmelzen brachte.

»Und du?« Die Hybridin lächelte mich an.

Was? Ach so. »Einen doppelten Pogues.«

Die Wolfssidhe nickte und drehte sich um, doch ich hielt sie am Arm zurück. »Moment noch.« Hinter mir erklang ein tiefes, angepisstes Knurren. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, von wem es kam und zog meine Hand schnell zurück. Verdammt, Lebensjahre riskieren, war wohl mein Motto heute. Egal.

Ich wandte mich meiner schönen Paranormalen zu. »Möchtest du wirklich nichts trinken? Vielleicht einen Red Snapper? Oder einen Zombie? Wie wär's?« Dann bin ich zwar pleite, aber sei's drum.

Ein winziges, aber bezauberndes Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Ja, warum eigentlich nicht? Zombie klingt gut.«

Yeah, ich hatte ihren Drink erraten und ein Lächeln in ihr Gesicht gezaubert. Das Glück war mir hold. Ich gab die Bestellung an die Hybridin weiter und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das Spiel und vor allem die Unbekannte, die mich still anlächelte.

»Kann's endlich weitergehen?«, fragte Blondie genervt.

»Nur keine Aufregung«, entgegnete Foley ihm gelassen. »Deinen Einsatz wirst du noch früh genug los.«

Eiseskälte blitzte in den hellblauen Iriden des Elfs auf. »Ach wirklich? Wie kommst du auf die Idee? Vielleicht doch gezinkte Karten, die ihrem Besitzer, also dir, einen Vorteil verschaffen?«

Belustigt zog Foley eine Augenbraue in die Höhe. »Mach dich nicht lächerlich.« Demonstrativ ließ der Magier eine Karte in seinem Ärmel verschwinden, was zur Folge hatte, dass das restliche Deck sofort begann, für alle deutlich sichtbar aufzuleuchten. Er holte die Karte wieder hervor und schob sie zurück in die Mitte des Stapels und mischte gründlich durch. »Noch Fragen?«

Ein arrogantes Schweigen von Blondie war die Antwort.

Nun, auch das kann ein Trick sein, schoss es mir durch den Kopf. Ein derart gezinktes Deck, wäre genau das, was einen unendlich gelassen machen konnte. Und ich steckte mittendrin und verließ mich auf die Ehrlichkeit des Magiers. Mein werter Erzeuger wäre sicher nicht überrascht gewesen.

Iain Foley legte den Flop offen in die Mitte. Kreuz Neun, Kreuz Dame und Karo Zehn.

Nicht schlecht. Durch mein Zehnerpärchen war die Chance, diese Runde für mich entscheiden zu können, soeben deutlich gestiegen. Zwei meiner Fünferchips wanderten zur Tischmitte.

Foley stieg aus, der Rest ging mit, sodass sich nun insgesamt fünfundsechzig Jahre im Pott befanden.

Wie viele Jahre müsste ich wohl dem Geldsack von Menschen anbieten für lebenslang freies wohnen? Und wie hoch war die Strafe dafür, einem Menschen Lebensjahre zuzuschustern? Ging das überhaupt? Eingedenk des sonnigen Charakters von Mr Miethai würde ich mir doch wohl eher mein Karma vermiesen, ausgerechnet sein Leben zu verlängern. Auch wenn die Vorstellung, ihm die Chips in den Rachen zu stopfen, zugegeben reizvoll war.

In diesem Moment kam das Rasseweib mit den Getränken zurück. Ich nahm den Whiskey und reichte meiner Paranormalen ihren Zombie. Sie hauchte mir ein »Danke« entgegen und nippte an ihrem Drink.

»Verrätst du mir deinen Namen?« Ich schenkte ihr ein Lächeln. Nach ihrer Rasse wollte ich vor versammelter Mannschaft natürlich nicht fragen, auch wenn mich zugegebenermaßen die Neugier beinahe umbrachte.

Auf ihre hohen Wangenkochen legte sich eine zarte Röte.

Wie süß.

»Ìonait. Und wie heißt du?« 

Wie passend. Konnte jemand reiner und treuer wirken als dieses bezaubernde Wesen? »Kilian.«

Die vierte Tischkarte wurde von Foley offengelegt.

Kreuz Zwei.

Wenn jetzt in der nächsten Runde noch ein weiteres Kreuz kam, sah es für mich richtig gut aus. Ich entschied, das Risiko einzugehen und verdoppelte meinen Einsatz. Alle gingen mit. Was mich nervös machen sollte, aber ich konnte mich einfach nicht auf das Auslesen meiner Gegner konzentrieren. Mein Wolf war still, eingeschnappt oder nicht beunruhigt. Ich hoffte einfach mal letzteres.

Hundertfünfundvierzig Jahre im Pott – ordentlich. Aber wenn ich verlor, blieben mir drei mickrige Chips, mit denen ich keine Runde durchstehen konnte. Also würde ich dann erhöhen? Hundert Jahre, zweihundert?

Showdown. Die letzte Karte. Jetzt kam es drauf an.

Kreuz Vier.

Flush! Geheiligt seien Dagda und alle anderen Götter.

Ein Pokerface zeigte hier wieder einmal nur Foley, den anderen Spielern stand der Frust nur so ins Gesicht geschrieben. Abgezockt von einem Anfängerbastard. Übel, Jungs! Das ist wirklich übel!

Mit einem fetten Grinsen sackte ich die Chips ein. Klasse, seine eingesetzten fünfunddreißig Jahre mal eben so zu verdreifachen. Foleys Vorliebe für diese Sorte Einsatz brachte wirklich einen gewissen Reiz mit sich. Wie gestaltete sich eigentlich das Einlösen der Chips? Das musste ich den Magier später unbedingt noch fragen. Denn auch Foley musste bei dem teuren Zwirn, den er trug, so manches in Knete umsetzen. Vorliebe hin oder her. Also, was war sein Geschäftsmodell?

Auf jeden Fall konnte es für meinen Geschmack ruhig weiter so gut für mich laufen. Aber kaum war der Gedanke mir durchs Hirn galoppiert, machte er den Púca und trat mich dahin, wo die Sonne nicht hin schien. Meine kommenden Blätter waren entweder so schwach, dass ich ziemlich schnell ausstieg oder am Ende einer der anderen Spieler einfach die besseren Karten auf der Hand hatte. Mist, meine Chips nahmen rasant ab.

Noch schlimmer sah es allerdings bei Ìonait aus. Nicht eine Partie konnte sie für sich entscheiden. Ich bemerkte, wie ihre Nervosität von Runde zu Runde stieg. Und diese Nervosität war ihr leider auch anzusehen. Gut bluffen konnte meine Hübsche wirklich nicht und sie tat mir zunehmend leid.

Eine neue Partie wurde eröffnet. Foley verteilte die Karten. Der Magier wollte mir gerade meine Zweite geben, als das gesamte Deck plötzlich begann, hell aufzuleuchten …

He! Wer –

Mein Blick schoss zu Blondie, dem Dämon, zu Ìon–

S.c.h.e.i.ß.e! An ihren erweiterten Pupillen erkannte ich, dass sie versuchte, die Karten der anderen auszuspähen. Bei den drei Reichen der Anderswelt, war sie denn von allen guten Geistern verlassen? Foley lehnte sich seelenruhig zurück und gab ihr mit einem Blick den stillen Rat, schleunigst damit aufzuhören.

Verdammt guter Vorschlag!

Den Ìonait jedoch vollkommen ignorierte.

Was war denn nur los mit ihr? Der Elf und der verdammte Dämon sahen nicht so aus, als würden sie Spaß verstehen, oder gar Not. Und das Deck ließ ihr keine Chance. Hatte sie ihr Leben gesetzt?

Der Dämon setzte an zu einem sicherlich höllischen Angebot in ihrer Notlage, da zielte plötzlich wie von Geisterhand geführt, eine Knarre auf seinen Schädel.

Heilige Scheiße! Entsetzt sah ich zu Ìonait, die mit ihrem Blick diese verfluchte Waffe fixierte und … lenkte.

Böser Fehler.

Und der nächste folgte direkt. Denn der Lauf einer weiteren Knarre war nun auf Blondie gerichtet. Ich wollte aufspringen, sie schütteln, sie hier raus bugsieren.

Ìonait beugte sich vor und griff nach den Chips im Pott …

Und mein Wolf war hellwach. Bereit, sich zu wandeln. Blöder Problemwolf. Ich würde mich jetzt nicht zusammenkrümmen und zum Pelztier werden!

»Puh. Erst bescheißen, dann drohen und anschließend auch noch stehlen wollen.« Der Dämon gab sich vollkommen unbeeindruckt. »Wirklich mutig von dir.«

»Ìonait, bitte. Lass die Chips, nimm die Waffen runter«, bat ich leise, eindringlich. Vergebens. Ihr Blick hetzte von den beiden zu mir und ich las Angst in ihren Augen. »Es ist alles in Ordnung. Nimm sie einfach nur herunter.«

»Halt dich da raus, du Nichts von einem Bastard«, blaffte Blondie mich an und zischte in Hochsprache etwas von Gesetz der Sean-ordú.

Ein starkes Stück, mich inmitten so vieler Halbblütler mit dem Tod durch die Alte Ordnung zu bedrohen!

Leider fiel mir kein schickes Gesetz gegen galoppierende Blödheit ein, also würde ich ihm wohl seinen rückständigen Elfenarsch auf die gute altmodische Art aufreißen müssen.

»Vorsicht, was über deine Lippen kommt«, warnte auch Foley den Elfen. In seinen Augen blitzten rote Funken auf.

Ich warf Ìonait einen kurzen Seitenblick zu, konzentrierte mich dann aber wieder auf Blondie. Und dann brach der Sturm los.

Ein lässiges Handwischen des Elfen und schon wehrte er die auf ihn zielende Knarre per Telekinese ab und richtete sie gegen Ìonait. Foleys Karten schossen haarscharf an meinem Kopf vorbei, direkt auf den Dämon zu. Mit einem mächtigen Schwung warf ich den Tisch um – und Blondies Waffe landete scheppernd auf dem Boden.

Die Zuschauer stoben auseinander.

Ìonait sprang zurück. Ich warf mich zu Boden, bekam die Knarre zu greifen und drehte mich blitzschnell auf den Rücken. Keine Sekunde zu früh. Blondie stürzte auf mich zu und ich schoss. Bang! Bang! Bang! Bang! Jeder Schuss wäre ein Treffer gewesen, aber der Elf wehrte die Kugeln ab wie lästige Fliegen. Scheiße!

Nur am Rande bemerkte ich, wie Foley mit einem Shillelagh den Dämon davon abhielt, sich auf mich zu stürzen. Hat er den irischen Kampfstock in seiner Unterwäsche geschmuggelt?, schoss mir der undankbare Gedanke durch den Kopf.

Im Augenwinkel entdeckte ich eine Formation von Gestalten, sich den Weg durch die aufgebrachten Gästen bahnen. Das war sicher –

Plötzlich ging ein regelrechter Kugelhagel auf mich nieder. Dieser Mistkerl von Elf schoss auf mich! Instinktiv warf ich all meine telekinetische Kraft der Waffe entgegen, weit uneleganter als der Elf, die Kugeln schlugen verdammt knapp neben mir ein. Holzsplitter trafen mein Gesicht, eine Kugel mein Bein.

Ich robbte rückwärts, versuchte aus der Schusslinie zu gelangen, kam stolpernd auf die Beine, rannte los, wollte … 

Ein Stuhl knallte mit voller Gewalt in meine Seite und riss mich wieder zu Boden. Ich wurde von telekinetischer Kraft gepackt und hoch in die Luft katapultiert. Der Einschlag in die Wand raubte mir die Luft. Ich sah nur noch Sterne – und wurde erneut weggerissen. Donnerte in die gegenüberliegende Seite, keuchte auf. Ìonait! Für einen winzigen Moment begegnete mir ihr trauriger Blick, dann verschwand meine hübsche Unbekannte blitzschnell durch die Idhotür.

Ja. Lauf! Bring dich in Sicherheit, Mädchen!

Ein kräftiger Kerl mit Dreitagebart nahm Blickkontakt mit mir auf. Ich war mir nicht sicher, ob er besorgt oder wütend auf mich zukam. Gäste wurden beiseite befördert, er schien etwas zu rufen, aber meine Ohren rauschten.

Wieder wurde ich gepackt und gegen die Decke geschleudert. Ein hässliches Knirschen, Schmerzen, wie brennendes Feuer. Ich japste verzweifelt nach Luft. Das Arschloch von Elf hatte mir die Knochen gebrochen. Und der Schmerz jagte durch den gesamten Körper.

Blondie wurde gleich von mehreren Kerlen gepackt und Dämonenaugen leuchteten auf. Das war jetzt aber wieder der andere. Der Lover vom Rasseweib.

»Hey, ihr, das ist mein Dreckskerl!«, rief ich ihnen zu. Nur einen Moment verschnaufen, dann würde ichs dem schon zeigen. Aber die Dunkelheit streckte ihre Tatzen nach mir aus und riss mich auseinander …